Hilfe, die bei Suizidgedanken hilft

Nicht alles, was sich Hilfe nennt, ist eine Hilfe. Es ist ganz einfach, selber zu beurteilen, ob das ganze nur Schrott ist, oder wirklich Hilfe. Wenn etwas gut tut, ein angenehmes Gefühl hinterlässt, einen auf neue Gedanken bringt, Sachen aus einer neuen Perspektive zeigt – dann ist das – logisch – gut. Wenn es das schlechte Gewissen nur größer macht, einen mit dem Gefühl hinterlässt „ich bin schuld“ oder „ich bin schlecht“ oder „nichts wird sich ändern“, dann vergiss es. Der Maßstab ist logisch: Baut es auf, oder zieht es einen runter? Hilfe baut auf, alles andere vergiss. Als ich in meiner Mega-Krise auf einer Internet-Seite war, die Hilfe via E-Mail versprochen hat, hab ich den Typen angemailt. Schließlich war er Christ - ich bin ja auch gläubig und da dachte ich, der weiß vielleicht weiter. Die Antwort, die ich bekomme habe, war im Stil „Du hast nicht genug Glauben“ und hat mir überhaupt nicht weitergeholfen sondern mir nur noch mehr Schuldgefühle gemacht. Auf solche Hilfsmaßnahmen – so nett sie auch gemeint sind - kann man verzichten. 

OK, was ist dann Hilfe, die hilft? Hier meine Vorschläge, die zumindest mir gut getan haben:



1) professionelle Hilfe bei Suizidgedanken: Klinik

Am Anfang, als gar nichts mehr ging, ich nur noch depressiv war und sterben wollte, haben mir meine Freunde geraten, mir professionelle Hilfe zu holen. Ich habe dann verzweifelt in der nächsten Klinik um die Ecke angerufen, die haben mich an einen Therapeuten weitervermittelt, der mich dann ziemlich schnell in die Klinik eingewiesen hat, eine psychotherapeutische Abteilung. Dieser Klinikaufenthalt war eine einschneidende Erfahrung im positiven Sinne, die ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde. Das war Hilfe, die hilft. Das war der erste Schritt ins neue Leben. Ja, es soll Kliniken geben in denen es nicht so gut abläuft. Da kann man auch Pech haben, habe ich gehört. Aber prinzipiell wenn man in eine psychotherapeutische Abteilung kommt, kann man sich vorher die Klinik aussuchen, solange man eine Überweisung vom Arzt/Ärztin/Therapeut*in/ Psychiater*in hat. Dann kommt man auf eine Warteliste und wartet, bis ein Platz frei ist. Alle möglichen Infos über gute Kliniken findest Du im Internet. In einer akuten Krise dagegen kommt man auf die psychiatrische Station der Klinik, die für einen zuständig ist. Dazu muss man wissen, dass im Akutfall - also wenn du in die Psychiatrie musst - jedem Stadtteil bzw. Ort eine ganz bestimmte Klinik zugeordnet wurde - bei Psychotherapien, also ohne akute Not, kann man sich die Klinik aussuchen. Ich kann nur dazu ermuntern, bevor man sich die Pulsadern aufschneidet, solch einen Schritt zu gehen. Keine Angst vor Kliniken! Klar, es gibt da auch seltsame Typen, durchgeknallte Patienten, aber hey, bist du nicht gerade auch schräg drauf? Ich mein, du willst Dir das Leben nehmen - das ist nicht normal! Es gibt auch Tageskliniken, die man besuchen kann, wenn man stabiler ist. Da schläft man dann zuhause und geht tagsüber zwischen ca. 8 und 17 Uhr in die Tagesklinik. Das kann auch eine Möglichkeit sein, wenn man sein Zuhause nicht verlassen will. Gib den Psycho-Doktoren eine Chance! Viele sind besser als ihr Ruf.



 

2) professionelle Hilfe bei Depression & Co: Therapeuten

Es gibt eine Herrscharr von Therapeuten. Ich habe mich an einen gewandt, der mir empfohlen wurde. Du kannst Dir auch von der Krankenkasse eine Liste mit Therapeuten zuschicken lassen. Die ersten 5 Sitzungen sind zur „Probe“, man „beschnüffelt“ sich gegenseitig, ob man miteinander kann. Wenn ja, dann wird bei der Krankenkasse eine Therapie beantragt. Grundsätzlich kann man meines Wissens zwischen Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, teifenpsychologisch fundierter Therapie und systemischer Psychotherapie unterscheiden. Die Verhaltenstherapeuten schauen nicht groß in Deine Vergangenheit, sie schauen sich nicht an „woher kommt das Problem?“ sondern eher „wie kriegen wir das Problem aus dem Weg?“. Sie helfen Angst-Patienten, mit ihrer Panik fertig zu werden, geben dem Depressiven klare Hilfestellungen, wieder Schritte ins Leben zu wagen – sprich: sie sind ganz praktisch. Die Analytiker dagegen sagen, wenn ich das richtig verstanden habe, dass man an die Ursache gehen muss, die Ursache verstehen muss, wenn ich das Problem beheben will. Das heißt, die gucken sich dein ganzes Leben von frühester Kindheit an. Therapeuten die tiefenpsychologisch arbeiten, schauen auch auf die Kindheit, arbeiten aber auch mit dem Problem. Systemische Therapeuten schauen auf den Menschen als Teil eines Systems, z. B. der Familie, und beziehen diese mit ein. Man kann nicht generell sagen, das hilft, und das hilft nicht. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Da würde ich auch ein bissl durchs Netz surfen und mich informieren.

 

Ich war eine Sitzung bei einer Analytikerin und konnte damit überhaupt nicht umgehen. Mir war das egal, ob ich es gehasst habe, aufs Töpfchen zu gehen (das war schon in der ersten Stunde Thema) und welche Konsequenzen das für mein Leben hatte. Ich stand kurz vor meinem Uni-Abschluss und kriegte die Prüfung nicht hin - was interessiert da die Farbe meines Töpfchens? (Danach hatte die Analytikerin tatsächlich gefragt). Ich selbst bin mit Verhaltenstherapeuten am besten zurecht gekommen. Aber das ist wirklich deine Sache, zu wem du gehst. Verhaltenstherapeuten brauchen für ihre Therapie viel weniger Stunden und bekommen auch von der Kasse viel weniger Stunden genehmigt. Wenn Du ein schweres Trauma hinter Dir hast, dann kannst Du Dich auch an einen Therapeuten wenden, der auf die Bewältigung von Traumata spezialisiert ist. Ich weiß, am Anfang scheint diese ganze Hilfesucherei nervig, aber die Therapeuten helfen einem aus der Sackgasse. Leider sind viele überbelegt. Entscheide dich für eine Therapieform und lass dir dazu eine Liste von der Krankenkasse schicken und telefonier sie ab. Lass dich auf mehrere Wartelisten setzen und guck, wer zuerst zusagt. Dann nach den probatorischen "Test-"Sitzungen, wenn du dich wohl fühlst, kannst du dich wieder von der Warteliste der anderen nehmen.

 

 

2) Medikamente und Vitamine gegen die trübe Soße im Kopf

DAS ist ein schwieriges Thema! In der Klinik nach meiner ersten Krise habe ich ein Antidepressiva verschrieben bekommen, das auch meiner Sicht aber noch mehr Chaos im Kopf verursacht hat - von daher bin ich bei diesem Thema zwiegespalten. Aber ich bin in der Klinik Menschen begegnet, die nach ein paar Wochen durch die Medikamente wie ausgewechselt waren - von schwer depressiv sich zum Tisch schleppen bis grinsend Federball spielend. Ich will keinem diese Hilfe nehmen. Unterm Strich: Lieber es mit Medikamenten versuchen, als über die Wupper zu springen. Vielleicht hast du auch eine unerkannte bipolare Erkrankung, die man gut mit Lithium behandeln kann. Das kann nur ein Fachmann beurteilen. Ich persönlich würde aber - und das machen Kliniken UND Ärzte nicht!!! - sowohl den Vitamin D-Spiegel, den Ferritin Spiegel (nicht den Eisen-Spiegel!) und das B12 messen lassen und dafür auch Geld fürs Labor hinlegen. Bei mir trat eine deutliche Verbesserung ein, nachdem ich meinen Vitamin D Spiegel von 9 ng/ml auf 80 ng/ml angehoben hatte - für den Arzt viel zu viel, für mich genau richtig. Die beste Informationsquelle sind hierbei die Facebook Gruppen zum Thema Vitamin D, B12 und Eisen (jedes eine einzelne Gruppe). Hier gibt es Dateien, in denen erklärt wird, was man bei der Supplementierung beachten muss. Bedenke solche Sachen wie Cofaktoren wie K2 und Magnesium bei Vitamin D! Du glaubst nicht, dass dein Spiegel unten ist, weil du doch draußen Tennis spielst? Erstens: Du kannst nicht spüren, wie tief dein Spiegel ist. Wenn du auf dieser Seite surfst, ist der wahrscheinlich unten. Zweitens: Die meisten Deutschen haben einen Vitamin D Mangel und die Grenzwerte sind viel zu niedrig angesetzt, meine Meinung. Drittens: Du müsstest täglich nackt zur Mittagszeit ohne Sonnenschutz Tennis spielen, um deinen Spiegel ohne Supplementierung hoch zu kriegen - und das würde auch nur im Sommer funktionieren. Ob ich hier Schrott erzähle, kannst du selber testen: Einfach die Spiegel messen lassen. Buchtipp: Dr. Raimund von Helden: "Gesund in 7 Tagen".



 

3) Freunde für die dunklen Stunden

Meine Freunde sind ein Riesen-Wohlfühl-Faktor. Sie reißen einen aus den Rückzugs-Tendenzen raus. Sie „stabilisieren“ wäre jetzt das ärztliche Gerede. Sie tun einfach nur gut. Manche haben sich zurückgezogen, als die Krise anfing aber einige haben mich ausgehalten. Einfach nur ausgehalten. Mit mir einen Film geschaut, mich in der Depression zum Aufräumen motiviert, mit mir stundenlang am Telefon geredet und auch gebetet. Sie waren einfach da und ich bin ihnen unendlich dankbar. Wenn du depressiv bist, weil du keine Freunde hast, ist das bitter. Ich empfehle hier Kirchengemeinden. Da geht es oft herzlich zu. Wenn nicht, such dir ne bessere. Wenn du mit noch mehr Schuldgefühlen aus Gemeinden gehst, warst du in der falschen - die christliche Gemeindelandschaft ist total bunt, da muss man suchen, bis man das richtige findet. Ich persönlich liebe evangelische Freikirchen, die etwas lockerer sind.

 

4) Seelsorge erleichtert

Gemeinden bieten auch Seelsorge an, ein Reden und Beten über das Problem. Das hat mir sehr viel geholfen. Ich glaube sogar, dass das ein wichtiger Faktor ist, um wieder heil zu werden. Denn in der Seelsorge geht es auch darum, jemanden zu vergeben. Und wenn ich jemanden vergebe, dann lass ich los. Von allem Groll, Hass, aller Bitterkeit. Und werde leichter. Dann muss ich nicht soviel Lasten aus der Vergangenheit mit mir rumschleppen. Und ich werde leichter, weil ich die Sachen auch vor Gott tragen kann. Ihm meine Sorgen geben kann. Sie vor ihm ausbreiten, mit ihm zusammen weinen und um Hilfe bitten. Das tut unendlich gut! Deshalb ist der nächste Punkt für mich auch eine ganz große Hilfe.



 

5) Die „höhere Macht“ hat mehr Power als du denkst

Nen bissl Angst habe ich, Dich mit frommen Gerede abzunerven. Aber es käme mir wie eine Lüge vor, wenn ich von jeder Hilfsmaßnahme erzähle, die mir geholfen hat, und Gott dabei verschweige. Dabei hat mein Glaube – sprich Gott – mich immens weiter gebracht. Hat mich getröstet und mir Hoffnung gemacht. Hat mich herausgefordert, mich zeitweise angekotzt, aber mich auch nicht alleine gelassen. Und er hat mich geheilt, was eine eigene Geschichte ist, die nicht auf diese Seite passt. Mit dem Glauben gibt es allerdings Herausforderungen: Im Glauben können sich viele Lügen einschleichen, viele Missverständnisse über Gott, die teilweise auch durch Pastoren transportiert werden (es gibt so viel schräges Mist-Zeug in der christlichen Szene). Gemeinden können Gift als leckere Limo verkaufen, sie verpacken altes Leistungsdenken in ein neues Gewand und tun so, als ob sie helfen würden, dabei legen sie nur neue Lasten auf. Gleichzeitig gibt auch schwierige Menschen in Gemeinden - aber nur weil Gottes Bodenpersonal sich manchmal unsozial verhält, bedeutet nicht, dass Gott genauso ist! Aber weil Gott die Superpower ist, die wirklich als einzige wirklich helfen kann, weil sie dich kennt UND über Macht verfügt, gibt es über sie ein eigenes Kapitel, in dem ich einige heilige Kühe schlachten muss.

 

6) Hilfe am Telefon in suizidalen Krisen

Jeder hat schon mal etwas von der "Telefonseelsorge" gehört - das sind ausgebildete Laien, die ehrenamtlich beraten. Ich selbst habe dort 3x angerufen, und nur 1x war das Gespräch gut, die anderen Male eine Katastrophe. Also ruf da nicht an und erwarte ein lebensveränderndes Gespräch, das in 10 Minuten all deine Probleme auslöscht. Aber beim Reden kann man manchmal die Gedanken sortieren, und es tut gut, Dinge mal auszusprechen. Und das eine Gespräch war wirklich gut.

Die Nummer der Telefonseelsorge ist:  0800 / 111 0 111 , 0800 / 111 0 222 oder 116 123
per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de

Für junge Menschen gibt es eine eigene Hotline, die 116111, Montags bis Samstags von 14 bis 20 Uhr.